Lass mich nicht bitten, vor Gefahr bewahrt zu werden,
sondern ihr furchtlos zu begegnen,
lass mich nicht das Ende der Schmerzen erflehen,
sondern das Herz, das sie besiegt,
lass mich auf dem Kampffeld des Lebens
nicht nach Verbündeten suchen,
sondern nach meiner eigenen Stärke,
lass mich nicht in Sorge und Furcht nach Rettung rufen,
sondern hoffen, dass ich Geduld habe,
bis meine Freiheit errungen ist, gewähre mir,
dass ich kein Feigling sei, der deine Gnade
nur im Erfolg erkennt;
lass mich aber den Halt deiner Hand fühlen,
wenn ich versage.
(Tagore)
Letzte Woche war ein neuer Patient auf unsere Station eingetreten. Ein alter Mann, abgemagert und ganz bleich, sein Körper in einem Zustand zwischen Leben und Tod. Mit jedem neuen Tag meines Praktikums im Spital wird mir der Kampf des Lebens gegen den Tod deutlicher; Zustände, die ich bis anhin nur aus meiner psychischen Verfassung gekannt habe, finden plötzlich Form und Ausdruck in körperlichen Leiden, körperlichem Zerfall und dem Kampf gegen Schmerzen und Tod. Wie muss es für Menschen sein, deren Seele sich nach Leben, nach Kraft und Stärke sehnt, bei vollem Bewusstsein mitansehen zu müssen, wie sich ihr Körper mehr und mehr vom Leben verabschiedet? Wie muss es sich anfühlen, sich plötzlich der Vergänglichkeit seiner eigenen Existenz vollends bewusst zu werden, wo man früher keine Sekunde an seine Endlichkeit gedacht hat? Wie ist es, zu sterben, wenn man gar nicht sterben möchte?
Als ich das Zimmer - Klapptischchen und die Multimediageräte - jenes Patienten reinigte, lag dieser mit offenen Augen und scheinbar uneingeschränkter Aufmerksamkeit erschöpft und müde im Bett. Sein Blick starr an die weisse Decke mit dem künstlichen Licht gerichtet. Es war mir unbehaglich, alleine mit einem totkranken Menschen in einem Zimmer zu sein. Angst, etwas falsch zu machen; etwas nicht zu tun, was ich tun müsste oder etwas zu tun, was ich besser gelassen hätte. Ich wollte diesem Menschen Mitgefühl und Aufmerksamkeit auf seinen letzten Weg mitgeben, wollte ihn nicht alleine lassen und ihm noch einmal zeigen, wie wertvoll und achtenswert er war. Und gleichzeitig fürchtete ich mich davor, wünschte mir, so schnell wie möglich wieder aus dem Zimmer verschwinden zu können. Wäre nicht jede Aufmerksamkeit nur geheucheltes Mitleid meinerseits? Wäre dieser Mann zu krank, um dies zu erkennen? Ich hatte Angst vor diesem Kontakt, weil ich mich selbst mit dem Tod, dem Leid dieses Menschen gar nicht auseinandersetzen wollte, weil ich selbst nicht an meine Vergänglichkeit erinnert werden, ich nicht wahrhaben wollte, dass auch ich und meine liebsten Menschen einst in diesem Zustand im Spital liegen könnten. Ich wollte aus dem Zimmer und die Tür schliessen.
Doch dann fragte der Mann mich, wieso ich sein Zimmer überhaupt noch reinige, wenn es in ein paar Tagen nach seinem Ableben sowieso komplett gereinigt werden müsse. Ich war überfordert in dieser Situation und wusste nicht, was zu antworten. Hätte ich einfach sagen sollen, dass dies meine Arbeit sei, ich dafür bezahlt werde? Hygienevorschriften? Ich stand an seinem Bett und überlegte mit rasenden Gedanken; die Stille schien mir unangenehm und der Patient starrte wieder mit gleich leerem Blick an die Decke.
War es nicht menschlich, dies zu tun? Wieso wurden Tote geschminkt, in einen ausgekleideten Sarg gelegt, wo es jede Holzkiste auch tun würde? Wahrscheinlich war es der Versuch, dem Tod etwas Sauberes, Schönes und Strukturiertes zu hinterlegen, ihn durch Make up, Zimmerpflege und Hygiene so weit wie möglich einzugrenzen, vom Leben fernzuhalten. Ein Stückchen Wehmut, mit aller Kraft zu erhalten, was zu erhalten noch möglich war. Ein Kapitän, der sein Schiff als Letzter verlässt.
Ich antwortete dem Patienten mit einer Gegenfrage, ob bei einem Bankrott eines Bankunternehmens die Mitarbeiter, die Räumlichkeiten und die Infrastruktur nicht weitergepflegt, versorgt werden sollten, so lange, bis für nichts mehr Geld übrig sein würde. Ob es besser wäre, alles untergehen zu lassen, sobald ein Teil des Ganzen nicht mehr funktionierte. Denn das war doch auch er; ein Teil des Ganzen. Sein Ableben bedeutete nicht der Untergang der Spuren, die seine Existenz auf der Welt hinterlassen hatte, nicht das Verschwinden der Menschen, die ihn gekannt hatten und nicht die Sinnlosigkeit, seine Umgebung, ihn selbst in einem menschenwürdigen Zustand zu erhalten.
Meine Antwort schien dem Patienten Aufmerksamkeit und Verständnis zu schenken; die Starre in seinem Blick löste sich und seine Augen schauten mich weich, wenn auch etwas verschwommen an. Er begann von seinen Gedanken über den Tod und über sein Leben zu erzählen und ich setzte mich auf den Stuhl neben seinem Bett, verdrängte mein aufleuchtendes Pflichtbewusstsein mit der Ermahnung der noch zu reinigenden Zimmer für einen Moment aus meinen Gedanken.
Was dieser alte Mann mich in diesem kurzen Gespräch über das Leben, Sinn und Zweck des Überlebens lehrte, berührte mich zutiefst.
Wie oft wünschte ich mir schon, tot zu sein, wie oft stand ich am Abgrund meines eigenen Lebens, in einem Zustand zwischen Leben und Tod, wo es für mich einen Ausweg, keinen Mittelweg mehr gab. Doch nie zuvor war mir derart bewusst gewesen, dass ein Sprung aus dem vierten Stock eines Gebäudes, ein Sprung von einem Turm oder eine Überdosis Medikamente endgültig und definitiv waren. Bis zu jenem Gespräch war der Tod für mich eine Möglichkeit, ein Ausweg, um mich von meinen Schmerzen, der unglaublichen, scheinbar untragbarer Last meines Lebens zu befreien. Doch die Tatsache, dass ich durch den Tod meine Existenz, mein Leben und sei es auch unglaublich schrecklich und auswegslos, durch einen ewigen, unendlichen Zustand der Existenzlosigkeit ersetzen würde, war mir noch nie derart bewusst gewesen wie nach diesem lehrreichen, berührenden Gespräch mit jenem Patienten.
War es besser, nie mehr irgendetwas zu empfinden, weder positives noch negatives, anstatt seinen Becher des Lebens bis zum letzten Schluck willig auszutrinken? War es besser, freiwillig nie erfahren zu wollen, was aus meinen Freunden, meiner Familie in ihrem Leben noch werden würde? Tief vergraben, in einem Laken eingewickelt mehrere Meter unter der Erde von Insekten zerfressen zu werden, wo mein junger, gesunder Körper noch so viele Aufträge auf der Erde gehabt hätte? Ich würde weder erfahren, wer um mich trauern würde, noch würde ich mich an der Reue und der Schuld jener Menschen laben können, die ich für meine Auswegslosigkeit anklagte. Ich würde weiterleben müssen, um zu erfahren, was noch passieren würde. Selbst wenn das Leben grausam und schrecklich zu ertragen ist: Es ist besser, als für immer nichts, gar nichts mehr zu fühlen.
Diese Erkenntnis war die letzte Spur, die jener Patient auf der Erde hinterlassen hatte. Eine Spur, die erhalten bleiben wird, so lange ich lebe. Wenige Stunden nach unserem Gespräch schlief er friedlich für immer ein. Ich werde ihm für ewig dankbar dafür sein, dass er in seinen letzten Momenten seine Erfahrungen und Gedanken noch mit mir zu teilen bereit gewesen war.
Am Abend nach meinem Spital-Tag war ich emotional erschöpft und traurig darüber, wieder einen Menschen von dieser Welt verabschiedet zu haben. Ein guter Freund von mir kaufte mir darauf hin am nächsten Tag ein Buch; "Interviews mit Sterbenden" von Elisabeth Kübler-Ross. Ich begann darin zu lesen und konnte schon am ersten Abend erst knapp in der Hälfte damit aufhören.
Wie viel können wir Lebendigen von jenen Menschen lernen, die langsam aber sicher die Seite des Lebens verlassen müssen! Heute bin ich der Meinung, dass die Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens, mit den wahren Folgen des Todes für meine psychischen Kämpfe und Zustände wertvoller und tiefgreifender sind als viele Therapiestunden, wo unter Qualen nach den Ursachen meiner psychischen Krankheit gesucht wird, die so sind, wie sie sind und auch immer sein werden. Doch was nicht sein muss ist die voreilige Handlung, das Leben gegen etwas Besseres eintauschen zu wollen.
Es gibt nichts Wertvolleres als das Leben; wo kein Leben mehr ist, ist nur noch der Tod.
Samstag, 28. Februar 2009
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