Es gibt Tage und Momente, wo ich nicht verstehen kann, was mit mir los ist, was in meinem Inneren geschieht, wieso ich Dinge empfinde, die ich nicht erklären kann. Es ist schrecklich, morgens aufzuwachen und sobald man sich darüber im Klaren ist, dass nun schon wieder ein neuer Tag begonnen hat, in Tränen ausbricht, am liebsten sich vor der Sonne unter der Decke verstecken, die Welt nicht sehen möchte. Man fühlt sich alleine und einsam, von der ganzen Welt vergessen und verlassen und doch wünscht man sich so sehr einen Menschen, der versteht, was in einem vorgeht, der einen in den Arm nimmt und tröstet. Einfach jemanden, der da ist. Nur da ist, ohne zu fordern und zu erwarten, vor dem man sich nicht zusammenreissen muss, wo man so sein kann, wie man sich nun einmal fühlt. Es ist schrecklich, gerade diesen Menschen immer noch in einem Menschen zu suchen, der - scheinbar - für immer aus dem eigenen Leben verschwunden, definitiv nicht für einen dasein wird. Zu der Trauer, der Wut über die eigene Situation, der Zweiflung und der Einsamkeit kommt ein riesengrosser Verlust hinzu; er frisst sich wie Säure in das ohnehin verwundete Herz, nistet sich ein und scheint für alle Ewigkeit dort zu bleiben. Man wäre bereit, alles zu tun, alles zu lassen, würde nur dieses schreckliche Loch wieder gefüllt, der geliebte Mensch zurückkehren. Doch das wird er nicht - war er doch noch gar nie wirklich in dem eigenen Leben vorhanden, sondern nur in Form einer Projektion aus Wahrnehmungen, Wünschen und Erinnerungen. Romy würde nie mehr in meinem Leben sein wie sie es bis einst gewesen war. Doch bedeutete dies der endgültige Abschied? Würde sie ganz verschwinden, wenn ich mich von den Illusionen ihrer Person trennte? Gab es nicht den kleinsten Hauch von Hoffnung, irgendwann den Draht, den Weg zu ihr zurückzufinden, diesen aufrichtig und mutig gehen zu können? Ich war wütend über meine Therapeutin, die mir sagte, Romy würde nie mehr in mein Leben zurückkehren. Ich war wütend über mich selbst, Romy aus meinem Leben vertrieben zu haben. Und schlussendlich wütend über Romy, mich verlassen zu haben.
Doch vielleicht mass ich diesem Verlust auch eine zu grosse Gewichtung zu. War es mir jemals überhaupt gut gegangen? War ich nicht jene gewesen, die vor einem Jahr, bevor ich Romy noch gekannt hatte, auch mit einer Medikamentenvergiftung in das Spital eingewiesen wurde? Wie gross war hier der tatsächliche Einfluss meines Verlustes? Projizierte ich nicht auch hier mein ganzes Elend auf mein Verlassensein durch Romy? Vielleicht, weil ich mir immer noch einredete, die ganze Situation mit ihr besser zu ertragen, von ihr getröstet zu werden, hätte sie mich bloss nicht verlassen.
Ich schrieb heute meinen ersten Eintrag in meine "Anleitung zum Laufen lernen" - eine Anleitung, auf eigenen Beinen zurück ins Leben zu finden. Wieso habe ich bloss den Eindruck, diese ganze Arbeit, alle Überlegungen und das Aushalten meiner schlimmsten Zustände ohne meine Therapeutin machen zu müssen? Wieso fühle ich von ihr weder Unterstützung noch Rückhalt? Es gibt Momente, wo ich an dem Sinn dieser Therapie zweifle... Alle guten Dinge und Überlegungen scheinen entweder von mir selbst oder von der Therapie bei Romy zu kommen. Oder idealisiere ich auch hier Romy in ihrer Therapeuten-Rolle?
Wieso habe ich so viele Fragen und keine einzige Antwort? Wenigstens weiss ich etwas: Ich muss jetzt schlafen gehen, weil ich nach meinem exakten Tagesstruktur-Plan für morgen den Wecker stellen muss.
Sonntag, 1. März 2009
Samstag, 28. Februar 2009
Wut und Ärger - bloss gegen wen und wieso?
Ich versuchte, mich heute so gut wie nur möglich von den Menschen fern zu halten, fühlte ich mich unausstehlich und gereizt und dies auch noch eigentlich grundlos. Allen aus dem Weg gehen - zu ihrem und meinem eigenen Schutz - dies schien heute die einzig wirksame Möglichkeit gewesen sein, mich noch nicht mehr über mich selbst aufzuregen. Und doch stürzte mich der Zustand voller Einsamkeit und dem Gefühl von Ausgegrenztsein noch in mehr Ärger und Wut, in tiefere Traurigkeit und Auswegslosigkeit.
Schon nach dem Aufwachen hegte ich den grössten Groll gegen mich - hatte ich doch bis ein Uhr mittags den halben Tag verschlafen, obwohl ich eigentlich schwimmen gehen und lernen wollte. Die Sonne schien draussen wie an dem schönsten Frühlingstag und ich dumme Kuh hatte nichts besser zu tun, als faul in meinem Bett zu schlafen. Und anstatt wenigstens davon erholt aufzustehen hatte ich Kopfschmerzen und meine Gedanken waren getrübt und verschwommen, als hätte mir jemand mit einem Brett gegen den Kopf geschlagen. Mit Wut gegen sich selbst und die ganze Welt den Tag beginnen - was gibt es Besseres!
Wenigstens vermochte ich dann, aufzustehen und zu duschen, was mein Befinden aber auch nur gering beeinflusste. Dann packte ich meine Sachen zusammen und wollte auf Kleiderjagd gehen. Ergebnis davon: ein Paar türkis Schuhe, die ich wohl nie bei Tageslicht anziehen werde. Wenigstens der Frühlingsmantel scheint noch ganz ansehlich... Auf dem Weg von der Stadt nach Hause ärgerten mich der Lärm, das Getrommel und die Dummheit jener Leute, die sich wie Kinder auf den Strassen benahmen und Fasnacht feierten. Hatten denn die Menschen heute nichts anderes zu tun, als mich zu ärgern?
Inzwischen hatte ich auch Hunger und kochte mir, wieder zu Hause eine gehörige Portion Spaghetti, die ich binnen Minuten verschlungen hatte. Doch davon schien ich mich auch nicht besser zu fühlen - Joghurt, Brot bestrichen mit dem Rest Tomatensauce, Salat und Hüttenkäse mussten hinterher. Ich fühlte mich wie eine gefüllte Weihnachtsgans und als ich dann für die Eignungsprüfung lernen wollte, konnte ich mich erst recht nicht mehr konzentrieren. Also liess ich auch dies bleiben; mit meinem Bruder am Telefon zu streiten war auch viel besser. Doch an meiner verzweifelten Mutter, die mich heute mit ihrer überdosierten Tabletteneinnahme vielmehr verärgerte als besorgte, durfte ich meine unbegründete Wut nicht auch noch auslassen. Besser das Gespräch beenden.
Wie gerne hätte ich einfach jemanden gehabt, der einen tatsächlichen Fehler begangen hätte und meine Wut nun aushalten müsste! ...oder jemanden, der mich einfach in den Arm genommen, mir gesagt hätte "Ja, deine Lage und dein Zustand sind einfach schrecklich, du darfst traurig sein und ich bin es mit dir."
Doch war meine Wut wirklich so unbegründet, Grund zur Besorgnis? Ich darf wütend sein über Verluste, auch wenn dies vielmehr als kleines, trotziges Kind wirkt. Wieso darf ich nicht wütend sein darüber, dass Menschen aus meinem Leben verschwinden, die ich besitzen wollte? Wieso darf ich nicht wütend darüber sein, dass ich traurig gemacht werde? Wieso darf ich nicht wütend sein, wenn ich im Stich gelassen werde?
Schlussendlich fand ich eine Person, auf die ich wenigstens einen Teil meiner Wut projizieren konnte - zwar nur gedanklich, aber immerhin fanden so meine irrationalen Gefühle eine Form und Struktur. Ich war wütend und enttäuscht über meine Therapeutin, die mich letzten Freitag derart im Stich gelassen hatte, als ich sosehr jemanden gebraucht hätte. Wie konnte mich diese Frau derart in ihrer Therapie weinen lassen, ohne etwas dagegen zu unternehmen, etwas zu sagen, mich und die fortschreitende Zeit dabei einfach nur beobachten? Und dann nach 50 Minuten zu sagen "Ja, es ist Zeit"??? Es tat gut, gedanklich meine Wut auf sie abzuwälzen, auch wenn sie nicht meinen ganzen Ärger verdiente. Doch sie wurde ja wenigstens dafür bezahlt. Und unpersönlich und distanziert hatte sie sich trotzallem verhalten.
Ab morgen möchte ich weniger anklagend, zufriedener mit mir und der Welt leben. Wenigstens für einige Tage. Einen Plan erstellen, wie ich in den tiefsten Abgründen gegen meine Zustände vorgehen kann - sozusagen eine Checkliste für Momente, wo ich meine Gedanken nicht mehr selbst beeinflussen kann. Denn wie es scheint kann ich gerade jenen Menschen, die davon eine Ahnung haben sollten, nicht wirklich vertrauen. Es sind doch alle gleich - Arbeit getan und tschüss.
...und wenn ich morgen auch noch meine Periode bekomme, hat sich mein Ärger und die Verletzlichkeit der letzten Tage vollends aufgeklärt. Vielleicht kann ich dann wieder unter die Menschen.
Schon nach dem Aufwachen hegte ich den grössten Groll gegen mich - hatte ich doch bis ein Uhr mittags den halben Tag verschlafen, obwohl ich eigentlich schwimmen gehen und lernen wollte. Die Sonne schien draussen wie an dem schönsten Frühlingstag und ich dumme Kuh hatte nichts besser zu tun, als faul in meinem Bett zu schlafen. Und anstatt wenigstens davon erholt aufzustehen hatte ich Kopfschmerzen und meine Gedanken waren getrübt und verschwommen, als hätte mir jemand mit einem Brett gegen den Kopf geschlagen. Mit Wut gegen sich selbst und die ganze Welt den Tag beginnen - was gibt es Besseres!
Wenigstens vermochte ich dann, aufzustehen und zu duschen, was mein Befinden aber auch nur gering beeinflusste. Dann packte ich meine Sachen zusammen und wollte auf Kleiderjagd gehen. Ergebnis davon: ein Paar türkis Schuhe, die ich wohl nie bei Tageslicht anziehen werde. Wenigstens der Frühlingsmantel scheint noch ganz ansehlich... Auf dem Weg von der Stadt nach Hause ärgerten mich der Lärm, das Getrommel und die Dummheit jener Leute, die sich wie Kinder auf den Strassen benahmen und Fasnacht feierten. Hatten denn die Menschen heute nichts anderes zu tun, als mich zu ärgern?
Inzwischen hatte ich auch Hunger und kochte mir, wieder zu Hause eine gehörige Portion Spaghetti, die ich binnen Minuten verschlungen hatte. Doch davon schien ich mich auch nicht besser zu fühlen - Joghurt, Brot bestrichen mit dem Rest Tomatensauce, Salat und Hüttenkäse mussten hinterher. Ich fühlte mich wie eine gefüllte Weihnachtsgans und als ich dann für die Eignungsprüfung lernen wollte, konnte ich mich erst recht nicht mehr konzentrieren. Also liess ich auch dies bleiben; mit meinem Bruder am Telefon zu streiten war auch viel besser. Doch an meiner verzweifelten Mutter, die mich heute mit ihrer überdosierten Tabletteneinnahme vielmehr verärgerte als besorgte, durfte ich meine unbegründete Wut nicht auch noch auslassen. Besser das Gespräch beenden.
Wie gerne hätte ich einfach jemanden gehabt, der einen tatsächlichen Fehler begangen hätte und meine Wut nun aushalten müsste! ...oder jemanden, der mich einfach in den Arm genommen, mir gesagt hätte "Ja, deine Lage und dein Zustand sind einfach schrecklich, du darfst traurig sein und ich bin es mit dir."
Doch war meine Wut wirklich so unbegründet, Grund zur Besorgnis? Ich darf wütend sein über Verluste, auch wenn dies vielmehr als kleines, trotziges Kind wirkt. Wieso darf ich nicht wütend sein darüber, dass Menschen aus meinem Leben verschwinden, die ich besitzen wollte? Wieso darf ich nicht wütend darüber sein, dass ich traurig gemacht werde? Wieso darf ich nicht wütend sein, wenn ich im Stich gelassen werde?
Schlussendlich fand ich eine Person, auf die ich wenigstens einen Teil meiner Wut projizieren konnte - zwar nur gedanklich, aber immerhin fanden so meine irrationalen Gefühle eine Form und Struktur. Ich war wütend und enttäuscht über meine Therapeutin, die mich letzten Freitag derart im Stich gelassen hatte, als ich sosehr jemanden gebraucht hätte. Wie konnte mich diese Frau derart in ihrer Therapie weinen lassen, ohne etwas dagegen zu unternehmen, etwas zu sagen, mich und die fortschreitende Zeit dabei einfach nur beobachten? Und dann nach 50 Minuten zu sagen "Ja, es ist Zeit"??? Es tat gut, gedanklich meine Wut auf sie abzuwälzen, auch wenn sie nicht meinen ganzen Ärger verdiente. Doch sie wurde ja wenigstens dafür bezahlt. Und unpersönlich und distanziert hatte sie sich trotzallem verhalten.
Ab morgen möchte ich weniger anklagend, zufriedener mit mir und der Welt leben. Wenigstens für einige Tage. Einen Plan erstellen, wie ich in den tiefsten Abgründen gegen meine Zustände vorgehen kann - sozusagen eine Checkliste für Momente, wo ich meine Gedanken nicht mehr selbst beeinflussen kann. Denn wie es scheint kann ich gerade jenen Menschen, die davon eine Ahnung haben sollten, nicht wirklich vertrauen. Es sind doch alle gleich - Arbeit getan und tschüss.
...und wenn ich morgen auch noch meine Periode bekomme, hat sich mein Ärger und die Verletzlichkeit der letzten Tage vollends aufgeklärt. Vielleicht kann ich dann wieder unter die Menschen.
Die Angst vor dem Tod
Lass mich nicht bitten, vor Gefahr bewahrt zu werden,
sondern ihr furchtlos zu begegnen,
lass mich nicht das Ende der Schmerzen erflehen,
sondern das Herz, das sie besiegt,
lass mich auf dem Kampffeld des Lebens
nicht nach Verbündeten suchen,
sondern nach meiner eigenen Stärke,
lass mich nicht in Sorge und Furcht nach Rettung rufen,
sondern hoffen, dass ich Geduld habe,
bis meine Freiheit errungen ist, gewähre mir,
dass ich kein Feigling sei, der deine Gnade
nur im Erfolg erkennt;
lass mich aber den Halt deiner Hand fühlen,
wenn ich versage.
(Tagore)
Letzte Woche war ein neuer Patient auf unsere Station eingetreten. Ein alter Mann, abgemagert und ganz bleich, sein Körper in einem Zustand zwischen Leben und Tod. Mit jedem neuen Tag meines Praktikums im Spital wird mir der Kampf des Lebens gegen den Tod deutlicher; Zustände, die ich bis anhin nur aus meiner psychischen Verfassung gekannt habe, finden plötzlich Form und Ausdruck in körperlichen Leiden, körperlichem Zerfall und dem Kampf gegen Schmerzen und Tod. Wie muss es für Menschen sein, deren Seele sich nach Leben, nach Kraft und Stärke sehnt, bei vollem Bewusstsein mitansehen zu müssen, wie sich ihr Körper mehr und mehr vom Leben verabschiedet? Wie muss es sich anfühlen, sich plötzlich der Vergänglichkeit seiner eigenen Existenz vollends bewusst zu werden, wo man früher keine Sekunde an seine Endlichkeit gedacht hat? Wie ist es, zu sterben, wenn man gar nicht sterben möchte?
Als ich das Zimmer - Klapptischchen und die Multimediageräte - jenes Patienten reinigte, lag dieser mit offenen Augen und scheinbar uneingeschränkter Aufmerksamkeit erschöpft und müde im Bett. Sein Blick starr an die weisse Decke mit dem künstlichen Licht gerichtet. Es war mir unbehaglich, alleine mit einem totkranken Menschen in einem Zimmer zu sein. Angst, etwas falsch zu machen; etwas nicht zu tun, was ich tun müsste oder etwas zu tun, was ich besser gelassen hätte. Ich wollte diesem Menschen Mitgefühl und Aufmerksamkeit auf seinen letzten Weg mitgeben, wollte ihn nicht alleine lassen und ihm noch einmal zeigen, wie wertvoll und achtenswert er war. Und gleichzeitig fürchtete ich mich davor, wünschte mir, so schnell wie möglich wieder aus dem Zimmer verschwinden zu können. Wäre nicht jede Aufmerksamkeit nur geheucheltes Mitleid meinerseits? Wäre dieser Mann zu krank, um dies zu erkennen? Ich hatte Angst vor diesem Kontakt, weil ich mich selbst mit dem Tod, dem Leid dieses Menschen gar nicht auseinandersetzen wollte, weil ich selbst nicht an meine Vergänglichkeit erinnert werden, ich nicht wahrhaben wollte, dass auch ich und meine liebsten Menschen einst in diesem Zustand im Spital liegen könnten. Ich wollte aus dem Zimmer und die Tür schliessen.
Doch dann fragte der Mann mich, wieso ich sein Zimmer überhaupt noch reinige, wenn es in ein paar Tagen nach seinem Ableben sowieso komplett gereinigt werden müsse. Ich war überfordert in dieser Situation und wusste nicht, was zu antworten. Hätte ich einfach sagen sollen, dass dies meine Arbeit sei, ich dafür bezahlt werde? Hygienevorschriften? Ich stand an seinem Bett und überlegte mit rasenden Gedanken; die Stille schien mir unangenehm und der Patient starrte wieder mit gleich leerem Blick an die Decke.
War es nicht menschlich, dies zu tun? Wieso wurden Tote geschminkt, in einen ausgekleideten Sarg gelegt, wo es jede Holzkiste auch tun würde? Wahrscheinlich war es der Versuch, dem Tod etwas Sauberes, Schönes und Strukturiertes zu hinterlegen, ihn durch Make up, Zimmerpflege und Hygiene so weit wie möglich einzugrenzen, vom Leben fernzuhalten. Ein Stückchen Wehmut, mit aller Kraft zu erhalten, was zu erhalten noch möglich war. Ein Kapitän, der sein Schiff als Letzter verlässt.
Ich antwortete dem Patienten mit einer Gegenfrage, ob bei einem Bankrott eines Bankunternehmens die Mitarbeiter, die Räumlichkeiten und die Infrastruktur nicht weitergepflegt, versorgt werden sollten, so lange, bis für nichts mehr Geld übrig sein würde. Ob es besser wäre, alles untergehen zu lassen, sobald ein Teil des Ganzen nicht mehr funktionierte. Denn das war doch auch er; ein Teil des Ganzen. Sein Ableben bedeutete nicht der Untergang der Spuren, die seine Existenz auf der Welt hinterlassen hatte, nicht das Verschwinden der Menschen, die ihn gekannt hatten und nicht die Sinnlosigkeit, seine Umgebung, ihn selbst in einem menschenwürdigen Zustand zu erhalten.
Meine Antwort schien dem Patienten Aufmerksamkeit und Verständnis zu schenken; die Starre in seinem Blick löste sich und seine Augen schauten mich weich, wenn auch etwas verschwommen an. Er begann von seinen Gedanken über den Tod und über sein Leben zu erzählen und ich setzte mich auf den Stuhl neben seinem Bett, verdrängte mein aufleuchtendes Pflichtbewusstsein mit der Ermahnung der noch zu reinigenden Zimmer für einen Moment aus meinen Gedanken.
Was dieser alte Mann mich in diesem kurzen Gespräch über das Leben, Sinn und Zweck des Überlebens lehrte, berührte mich zutiefst.
Wie oft wünschte ich mir schon, tot zu sein, wie oft stand ich am Abgrund meines eigenen Lebens, in einem Zustand zwischen Leben und Tod, wo es für mich einen Ausweg, keinen Mittelweg mehr gab. Doch nie zuvor war mir derart bewusst gewesen, dass ein Sprung aus dem vierten Stock eines Gebäudes, ein Sprung von einem Turm oder eine Überdosis Medikamente endgültig und definitiv waren. Bis zu jenem Gespräch war der Tod für mich eine Möglichkeit, ein Ausweg, um mich von meinen Schmerzen, der unglaublichen, scheinbar untragbarer Last meines Lebens zu befreien. Doch die Tatsache, dass ich durch den Tod meine Existenz, mein Leben und sei es auch unglaublich schrecklich und auswegslos, durch einen ewigen, unendlichen Zustand der Existenzlosigkeit ersetzen würde, war mir noch nie derart bewusst gewesen wie nach diesem lehrreichen, berührenden Gespräch mit jenem Patienten.
War es besser, nie mehr irgendetwas zu empfinden, weder positives noch negatives, anstatt seinen Becher des Lebens bis zum letzten Schluck willig auszutrinken? War es besser, freiwillig nie erfahren zu wollen, was aus meinen Freunden, meiner Familie in ihrem Leben noch werden würde? Tief vergraben, in einem Laken eingewickelt mehrere Meter unter der Erde von Insekten zerfressen zu werden, wo mein junger, gesunder Körper noch so viele Aufträge auf der Erde gehabt hätte? Ich würde weder erfahren, wer um mich trauern würde, noch würde ich mich an der Reue und der Schuld jener Menschen laben können, die ich für meine Auswegslosigkeit anklagte. Ich würde weiterleben müssen, um zu erfahren, was noch passieren würde. Selbst wenn das Leben grausam und schrecklich zu ertragen ist: Es ist besser, als für immer nichts, gar nichts mehr zu fühlen.
Diese Erkenntnis war die letzte Spur, die jener Patient auf der Erde hinterlassen hatte. Eine Spur, die erhalten bleiben wird, so lange ich lebe. Wenige Stunden nach unserem Gespräch schlief er friedlich für immer ein. Ich werde ihm für ewig dankbar dafür sein, dass er in seinen letzten Momenten seine Erfahrungen und Gedanken noch mit mir zu teilen bereit gewesen war.
Am Abend nach meinem Spital-Tag war ich emotional erschöpft und traurig darüber, wieder einen Menschen von dieser Welt verabschiedet zu haben. Ein guter Freund von mir kaufte mir darauf hin am nächsten Tag ein Buch; "Interviews mit Sterbenden" von Elisabeth Kübler-Ross. Ich begann darin zu lesen und konnte schon am ersten Abend erst knapp in der Hälfte damit aufhören.
Wie viel können wir Lebendigen von jenen Menschen lernen, die langsam aber sicher die Seite des Lebens verlassen müssen! Heute bin ich der Meinung, dass die Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens, mit den wahren Folgen des Todes für meine psychischen Kämpfe und Zustände wertvoller und tiefgreifender sind als viele Therapiestunden, wo unter Qualen nach den Ursachen meiner psychischen Krankheit gesucht wird, die so sind, wie sie sind und auch immer sein werden. Doch was nicht sein muss ist die voreilige Handlung, das Leben gegen etwas Besseres eintauschen zu wollen.
Es gibt nichts Wertvolleres als das Leben; wo kein Leben mehr ist, ist nur noch der Tod.
sondern ihr furchtlos zu begegnen,
lass mich nicht das Ende der Schmerzen erflehen,
sondern das Herz, das sie besiegt,
lass mich auf dem Kampffeld des Lebens
nicht nach Verbündeten suchen,
sondern nach meiner eigenen Stärke,
lass mich nicht in Sorge und Furcht nach Rettung rufen,
sondern hoffen, dass ich Geduld habe,
bis meine Freiheit errungen ist, gewähre mir,
dass ich kein Feigling sei, der deine Gnade
nur im Erfolg erkennt;
lass mich aber den Halt deiner Hand fühlen,
wenn ich versage.
(Tagore)
Letzte Woche war ein neuer Patient auf unsere Station eingetreten. Ein alter Mann, abgemagert und ganz bleich, sein Körper in einem Zustand zwischen Leben und Tod. Mit jedem neuen Tag meines Praktikums im Spital wird mir der Kampf des Lebens gegen den Tod deutlicher; Zustände, die ich bis anhin nur aus meiner psychischen Verfassung gekannt habe, finden plötzlich Form und Ausdruck in körperlichen Leiden, körperlichem Zerfall und dem Kampf gegen Schmerzen und Tod. Wie muss es für Menschen sein, deren Seele sich nach Leben, nach Kraft und Stärke sehnt, bei vollem Bewusstsein mitansehen zu müssen, wie sich ihr Körper mehr und mehr vom Leben verabschiedet? Wie muss es sich anfühlen, sich plötzlich der Vergänglichkeit seiner eigenen Existenz vollends bewusst zu werden, wo man früher keine Sekunde an seine Endlichkeit gedacht hat? Wie ist es, zu sterben, wenn man gar nicht sterben möchte?
Als ich das Zimmer - Klapptischchen und die Multimediageräte - jenes Patienten reinigte, lag dieser mit offenen Augen und scheinbar uneingeschränkter Aufmerksamkeit erschöpft und müde im Bett. Sein Blick starr an die weisse Decke mit dem künstlichen Licht gerichtet. Es war mir unbehaglich, alleine mit einem totkranken Menschen in einem Zimmer zu sein. Angst, etwas falsch zu machen; etwas nicht zu tun, was ich tun müsste oder etwas zu tun, was ich besser gelassen hätte. Ich wollte diesem Menschen Mitgefühl und Aufmerksamkeit auf seinen letzten Weg mitgeben, wollte ihn nicht alleine lassen und ihm noch einmal zeigen, wie wertvoll und achtenswert er war. Und gleichzeitig fürchtete ich mich davor, wünschte mir, so schnell wie möglich wieder aus dem Zimmer verschwinden zu können. Wäre nicht jede Aufmerksamkeit nur geheucheltes Mitleid meinerseits? Wäre dieser Mann zu krank, um dies zu erkennen? Ich hatte Angst vor diesem Kontakt, weil ich mich selbst mit dem Tod, dem Leid dieses Menschen gar nicht auseinandersetzen wollte, weil ich selbst nicht an meine Vergänglichkeit erinnert werden, ich nicht wahrhaben wollte, dass auch ich und meine liebsten Menschen einst in diesem Zustand im Spital liegen könnten. Ich wollte aus dem Zimmer und die Tür schliessen.
Doch dann fragte der Mann mich, wieso ich sein Zimmer überhaupt noch reinige, wenn es in ein paar Tagen nach seinem Ableben sowieso komplett gereinigt werden müsse. Ich war überfordert in dieser Situation und wusste nicht, was zu antworten. Hätte ich einfach sagen sollen, dass dies meine Arbeit sei, ich dafür bezahlt werde? Hygienevorschriften? Ich stand an seinem Bett und überlegte mit rasenden Gedanken; die Stille schien mir unangenehm und der Patient starrte wieder mit gleich leerem Blick an die Decke.
War es nicht menschlich, dies zu tun? Wieso wurden Tote geschminkt, in einen ausgekleideten Sarg gelegt, wo es jede Holzkiste auch tun würde? Wahrscheinlich war es der Versuch, dem Tod etwas Sauberes, Schönes und Strukturiertes zu hinterlegen, ihn durch Make up, Zimmerpflege und Hygiene so weit wie möglich einzugrenzen, vom Leben fernzuhalten. Ein Stückchen Wehmut, mit aller Kraft zu erhalten, was zu erhalten noch möglich war. Ein Kapitän, der sein Schiff als Letzter verlässt.
Ich antwortete dem Patienten mit einer Gegenfrage, ob bei einem Bankrott eines Bankunternehmens die Mitarbeiter, die Räumlichkeiten und die Infrastruktur nicht weitergepflegt, versorgt werden sollten, so lange, bis für nichts mehr Geld übrig sein würde. Ob es besser wäre, alles untergehen zu lassen, sobald ein Teil des Ganzen nicht mehr funktionierte. Denn das war doch auch er; ein Teil des Ganzen. Sein Ableben bedeutete nicht der Untergang der Spuren, die seine Existenz auf der Welt hinterlassen hatte, nicht das Verschwinden der Menschen, die ihn gekannt hatten und nicht die Sinnlosigkeit, seine Umgebung, ihn selbst in einem menschenwürdigen Zustand zu erhalten.
Meine Antwort schien dem Patienten Aufmerksamkeit und Verständnis zu schenken; die Starre in seinem Blick löste sich und seine Augen schauten mich weich, wenn auch etwas verschwommen an. Er begann von seinen Gedanken über den Tod und über sein Leben zu erzählen und ich setzte mich auf den Stuhl neben seinem Bett, verdrängte mein aufleuchtendes Pflichtbewusstsein mit der Ermahnung der noch zu reinigenden Zimmer für einen Moment aus meinen Gedanken.
Was dieser alte Mann mich in diesem kurzen Gespräch über das Leben, Sinn und Zweck des Überlebens lehrte, berührte mich zutiefst.
Wie oft wünschte ich mir schon, tot zu sein, wie oft stand ich am Abgrund meines eigenen Lebens, in einem Zustand zwischen Leben und Tod, wo es für mich einen Ausweg, keinen Mittelweg mehr gab. Doch nie zuvor war mir derart bewusst gewesen, dass ein Sprung aus dem vierten Stock eines Gebäudes, ein Sprung von einem Turm oder eine Überdosis Medikamente endgültig und definitiv waren. Bis zu jenem Gespräch war der Tod für mich eine Möglichkeit, ein Ausweg, um mich von meinen Schmerzen, der unglaublichen, scheinbar untragbarer Last meines Lebens zu befreien. Doch die Tatsache, dass ich durch den Tod meine Existenz, mein Leben und sei es auch unglaublich schrecklich und auswegslos, durch einen ewigen, unendlichen Zustand der Existenzlosigkeit ersetzen würde, war mir noch nie derart bewusst gewesen wie nach diesem lehrreichen, berührenden Gespräch mit jenem Patienten.
War es besser, nie mehr irgendetwas zu empfinden, weder positives noch negatives, anstatt seinen Becher des Lebens bis zum letzten Schluck willig auszutrinken? War es besser, freiwillig nie erfahren zu wollen, was aus meinen Freunden, meiner Familie in ihrem Leben noch werden würde? Tief vergraben, in einem Laken eingewickelt mehrere Meter unter der Erde von Insekten zerfressen zu werden, wo mein junger, gesunder Körper noch so viele Aufträge auf der Erde gehabt hätte? Ich würde weder erfahren, wer um mich trauern würde, noch würde ich mich an der Reue und der Schuld jener Menschen laben können, die ich für meine Auswegslosigkeit anklagte. Ich würde weiterleben müssen, um zu erfahren, was noch passieren würde. Selbst wenn das Leben grausam und schrecklich zu ertragen ist: Es ist besser, als für immer nichts, gar nichts mehr zu fühlen.
Diese Erkenntnis war die letzte Spur, die jener Patient auf der Erde hinterlassen hatte. Eine Spur, die erhalten bleiben wird, so lange ich lebe. Wenige Stunden nach unserem Gespräch schlief er friedlich für immer ein. Ich werde ihm für ewig dankbar dafür sein, dass er in seinen letzten Momenten seine Erfahrungen und Gedanken noch mit mir zu teilen bereit gewesen war.
Am Abend nach meinem Spital-Tag war ich emotional erschöpft und traurig darüber, wieder einen Menschen von dieser Welt verabschiedet zu haben. Ein guter Freund von mir kaufte mir darauf hin am nächsten Tag ein Buch; "Interviews mit Sterbenden" von Elisabeth Kübler-Ross. Ich begann darin zu lesen und konnte schon am ersten Abend erst knapp in der Hälfte damit aufhören.
Wie viel können wir Lebendigen von jenen Menschen lernen, die langsam aber sicher die Seite des Lebens verlassen müssen! Heute bin ich der Meinung, dass die Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens, mit den wahren Folgen des Todes für meine psychischen Kämpfe und Zustände wertvoller und tiefgreifender sind als viele Therapiestunden, wo unter Qualen nach den Ursachen meiner psychischen Krankheit gesucht wird, die so sind, wie sie sind und auch immer sein werden. Doch was nicht sein muss ist die voreilige Handlung, das Leben gegen etwas Besseres eintauschen zu wollen.
Es gibt nichts Wertvolleres als das Leben; wo kein Leben mehr ist, ist nur noch der Tod.
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