Ich versuchte, mich heute so gut wie nur möglich von den Menschen fern zu halten, fühlte ich mich unausstehlich und gereizt und dies auch noch eigentlich grundlos. Allen aus dem Weg gehen - zu ihrem und meinem eigenen Schutz - dies schien heute die einzig wirksame Möglichkeit gewesen sein, mich noch nicht mehr über mich selbst aufzuregen. Und doch stürzte mich der Zustand voller Einsamkeit und dem Gefühl von Ausgegrenztsein noch in mehr Ärger und Wut, in tiefere Traurigkeit und Auswegslosigkeit.
Schon nach dem Aufwachen hegte ich den grössten Groll gegen mich - hatte ich doch bis ein Uhr mittags den halben Tag verschlafen, obwohl ich eigentlich schwimmen gehen und lernen wollte. Die Sonne schien draussen wie an dem schönsten Frühlingstag und ich dumme Kuh hatte nichts besser zu tun, als faul in meinem Bett zu schlafen. Und anstatt wenigstens davon erholt aufzustehen hatte ich Kopfschmerzen und meine Gedanken waren getrübt und verschwommen, als hätte mir jemand mit einem Brett gegen den Kopf geschlagen. Mit Wut gegen sich selbst und die ganze Welt den Tag beginnen - was gibt es Besseres!
Wenigstens vermochte ich dann, aufzustehen und zu duschen, was mein Befinden aber auch nur gering beeinflusste. Dann packte ich meine Sachen zusammen und wollte auf Kleiderjagd gehen. Ergebnis davon: ein Paar türkis Schuhe, die ich wohl nie bei Tageslicht anziehen werde. Wenigstens der Frühlingsmantel scheint noch ganz ansehlich... Auf dem Weg von der Stadt nach Hause ärgerten mich der Lärm, das Getrommel und die Dummheit jener Leute, die sich wie Kinder auf den Strassen benahmen und Fasnacht feierten. Hatten denn die Menschen heute nichts anderes zu tun, als mich zu ärgern?
Inzwischen hatte ich auch Hunger und kochte mir, wieder zu Hause eine gehörige Portion Spaghetti, die ich binnen Minuten verschlungen hatte. Doch davon schien ich mich auch nicht besser zu fühlen - Joghurt, Brot bestrichen mit dem Rest Tomatensauce, Salat und Hüttenkäse mussten hinterher. Ich fühlte mich wie eine gefüllte Weihnachtsgans und als ich dann für die Eignungsprüfung lernen wollte, konnte ich mich erst recht nicht mehr konzentrieren. Also liess ich auch dies bleiben; mit meinem Bruder am Telefon zu streiten war auch viel besser. Doch an meiner verzweifelten Mutter, die mich heute mit ihrer überdosierten Tabletteneinnahme vielmehr verärgerte als besorgte, durfte ich meine unbegründete Wut nicht auch noch auslassen. Besser das Gespräch beenden.
Wie gerne hätte ich einfach jemanden gehabt, der einen tatsächlichen Fehler begangen hätte und meine Wut nun aushalten müsste! ...oder jemanden, der mich einfach in den Arm genommen, mir gesagt hätte "Ja, deine Lage und dein Zustand sind einfach schrecklich, du darfst traurig sein und ich bin es mit dir."
Doch war meine Wut wirklich so unbegründet, Grund zur Besorgnis? Ich darf wütend sein über Verluste, auch wenn dies vielmehr als kleines, trotziges Kind wirkt. Wieso darf ich nicht wütend sein darüber, dass Menschen aus meinem Leben verschwinden, die ich besitzen wollte? Wieso darf ich nicht wütend darüber sein, dass ich traurig gemacht werde? Wieso darf ich nicht wütend sein, wenn ich im Stich gelassen werde?
Schlussendlich fand ich eine Person, auf die ich wenigstens einen Teil meiner Wut projizieren konnte - zwar nur gedanklich, aber immerhin fanden so meine irrationalen Gefühle eine Form und Struktur. Ich war wütend und enttäuscht über meine Therapeutin, die mich letzten Freitag derart im Stich gelassen hatte, als ich sosehr jemanden gebraucht hätte. Wie konnte mich diese Frau derart in ihrer Therapie weinen lassen, ohne etwas dagegen zu unternehmen, etwas zu sagen, mich und die fortschreitende Zeit dabei einfach nur beobachten? Und dann nach 50 Minuten zu sagen "Ja, es ist Zeit"??? Es tat gut, gedanklich meine Wut auf sie abzuwälzen, auch wenn sie nicht meinen ganzen Ärger verdiente. Doch sie wurde ja wenigstens dafür bezahlt. Und unpersönlich und distanziert hatte sie sich trotzallem verhalten.
Ab morgen möchte ich weniger anklagend, zufriedener mit mir und der Welt leben. Wenigstens für einige Tage. Einen Plan erstellen, wie ich in den tiefsten Abgründen gegen meine Zustände vorgehen kann - sozusagen eine Checkliste für Momente, wo ich meine Gedanken nicht mehr selbst beeinflussen kann. Denn wie es scheint kann ich gerade jenen Menschen, die davon eine Ahnung haben sollten, nicht wirklich vertrauen. Es sind doch alle gleich - Arbeit getan und tschüss.
...und wenn ich morgen auch noch meine Periode bekomme, hat sich mein Ärger und die Verletzlichkeit der letzten Tage vollends aufgeklärt. Vielleicht kann ich dann wieder unter die Menschen.
Samstag, 28. Februar 2009
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